Die Kriege


Die militärischen Aktionen Ramses II fanden zum größten Teil in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Regierung statt und dienten dazu, die ägyptischen Grenzen -besonders die nach Norden und Westen hin- zu stabilisieren, die ägyptische Hoheit in den Gebieten des asiatischen Raumes und Palästinas wiederherzustellen und die Ansprüche Ägyptens gegenüber seinen tributpflichtigen Vasallenstaaten zu bekräftigen - kurzum die Schäden, die die Vernachlässigung der Außenpolitik während der Amarnazeit hinterlassen hatte, zu beseitigen.
Eine genaue Chronologie der Feldzüge Rames II ist durch teilweise fehlende Datumsangaben in den Berichten und Darstellungen der Schlachten schwer zu erstellen. Ich folge hierbei dem Ramses-Experten Prof. K.A. Kitchen.



Das Schlagen der Feinde

Die Feldzüge

Jahr 4:

Die erste Kampagne seiner Herrschaft führte Ramses nach Norden.
Sein Ziel war offensichtlich, sich einen starken Halt in Syrien zu schaffen, von dem man aus weiter vorstoßen und ehemals ägyptische Gebiete zurückerobern konnte.
Ohne große Anstrengung erreichte er die Küste Südphöniziens, zog vorbei an Tyros und Byblos, weiter nach Irqata, das er mühelos einnahm. Von dort aus wandte er sich landeinwärts nach Amurru, Teil des hethitischen Großreiches. Innerhalb kurzer Zeit zwang er Benteschina, König von Amurru, die ägyptische Oberherrschaft anzuerkennen.
Da die ganze Aktion in ziemlich kurzer Zeit vonstatten ging, war es Benteschina nicht gelungen, seinen Lehnsherrn, den König von Hatti, rechtzeitig zu informieren, was er aber nach Abzug der ägyptischen Armee prompt nachholte, da er befürchten musste, nicht nur seiner Position verlustig zu gehen, sondern auch als Rebell sein Leben zu verlieren.
Außerdem ließ Ramses eine Abteilung seines Heeres, die sog. Na'aruna, als Garnison in Amurru, die später bei der Schlacht von Kadesch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Dieser Erste siegreiche Feldzug ist z.B. durch Stelen in Byblos und am Nahr el-Kalb bezeugt, wahrscheinlich ist auch eine in Tyros errichtet worden.



1: Litani - 2: Nahr el-Kalb - 3: Eleutheros


Jahr 5 - Die Schlacht von Kadesch:

Mit diesem Schlag, der für Hatti zum Verlust einer seiner südlichen Provinzen führte, verstieß Ramses gegen den Vertrag, den sein Vater Sethos I in seinem sechsten Regierungsjahr mit Muwatalli, dem damals noch jungen König von Hatti, abgeschlossen hatte, in dem man sich gegenseitig versicherte, den Grenzverlauf in Syrien zwischen den beiden Reichen anzuerkennen. Der Vertrag sicherte Hatti den Besitz von Amurru und Kadesch, während Ägypten sich verpflichtete, seine Truppen aus dieser Region abzuziehen und die Oberhoheit Hattis anzuerkennen. Im Gegenzug behielt Ägypten seine Rechte an den phönizischen Hafenstädten, die Sethos zu Beginn seiner Regierung erobert hatte.

Sethos war übrigens der letzte Pharao, dem es gelungen war, Kadesch einzunehmen - er errichtete sogar eine den Göttern Amun, Seth und Month geweihte Stele in der Stadt selbst.
Trotzdem fielen Kadesch und Amurru bald wieder dem hethitischen Großreich zu, es entstand eine Art Pattsituation durch die beiden gleichstarken Gegner, die offensichtlich nicht durch eine Militäraktion gelöst werden konnte.

Da sich sowohl die ägyptischen als auch die hethitischen Quellen über den Anlaß und Beginn des Feldzuges im fünften Regierungsjahr Ramses II ausschweigen, kann man nur vermuten, daß die Verletzung des ägyptisch-hethitischen Vertrages durch Ramses der Grund für die nun stattfindenden Krieg zwischen Ägypten und Hatti war.
Da zu dieser Zeit noch ein strenges Protokoll, was Kriegserklärung und -beginn betraf, herrschte, das, wie die Geschichte zeigt, durch die Hethiter immer peinlichst genau beachtet wurde, ist davon auszugehen, daß ein Gesandter der Königs von Hatti seinem Gegner, dem Pharao von Ägypten, eine offizielle Kriegserklärung überbrachte. Solche Schriftstücke sind tatsächlich erhalten (leider das die Schlacht von Kadesch betreffende bislang nicht)!

Trotz der gigantischen Aufrüstung, die beiden Parteien im Vorfeld der Schlacht betrieben, konnte keine den definitiven Sieg für sich erringen.
Beide Seiten mussten große Verluste hinnehmen, der Hethiterkönig hatte mehrere Familienmitglieder zu beklagen, aber letztendlich blieb der alte Status quo erhalten.
Die oft kritiklos von vielen Autoren immer wieder verbreitete Behauptung, die Hethiter hätten die ägyptische Provinz Upe im Anschluß an die Kadeschschlacht erobert, konnte von Elmar Edel widerlegt werden.
Obwohl die Hethiter bis nach Upe vordrangen und die Provinz verwüsteten, blieb sie doch ägyptischer Besitz.


Jahr 7/8:

In dem Jahr, das der Kadeschschlacht folgte, unternahm Ramses keinen größeren Feldzug.
Er war vielmehr damit beschäftigt, seine Armee wieder aufzubauen und auszubilden.
Ein kleines Scharmützel mit den Libyern an der Westküste diente quasi als Generalprobe für die nächste größere Kampagne, die Ramses und seine Streitkräfte wieder nach Norden führen sollte.
Der Abzug der Ägypter nach der Schlacht von Kadesch und der Verlust der Provinz von Upe wurden von den dort ansässigen Völkern als ein Zeichen der Schwäche des Pharaos gedeutet.
Mehr als einmal mussten die ägyptischen Steuereintreiber unverrichteter Dinge wieder heimkehren, ohne die geforderten Tribute einnehmen zu können.
Zudem bildeten sich neue Machtzentren in Ostpalästina, wie Moab am Toten Meer und Edom-Seir südlich davon, gleichzeitg fielen die räuberischen Schasu-Beduinen plündernd in Kanaan ein.
Seit mehr als zwanzig Jahren waren diese Regionen befriedet gewesen, aber Ramses sah sich nun gezwungen, Präsenz zu zeigen.
Am Ende seines siebten Regierungsjahres zog er mit seiner Armee über Gaza nach Kanaan und vertrieb die rebellischen Schasu, dann wandte er sich nach Osten gen Jerusalem und Jericho, währenddessen war ein zweites Truppenkontigent, von Kronprinz Amunherchepeschef angeführt, südlich des Toten Meeres nach Edom-Seir vorgestoßen.
Der Prinz und seine Armee marschierten dann nach Norden, um Moab und Raba Batora östlich des Toten Meeres zu erobern.
Ramses' Heer hingegen schwenkte nun seinerseits nach Süden -beide Truppenteile nun eine Zangenbewegung ausführend- und vereinigte sich mit dem seines Sohnes nach der Einnahme von Dibon.


Offenbar hatte die ägyptische Armee zu dieser Zeit schon ein ausgeklügeltes Belagerungssystem entwickelt, was ihnen bei der Eroberung der befestigten Städte nun zum Vorteil gereichte. Sie operierten, wie es verschiedene Darstellungen in den Tempelbauten Ramses II zeigen, erfolgreich mit Ramböcken und Leitern, um sich Zugang zu verschaffen.


Die Belagerung von Aschkalon im Süden Kanaans


Jahr8/9:

Ein Jahr später zog Ramses wieder gen Norden, um die erneut aufflackernden Widerstände in Nordkanaan zu zerschlagen und die gegen ihn rebellierenden Galiläer in Marom und Beth-Anath zu bekämpfen. Er besetzte die Häfen Kanaans, zog dann die Küste entlang nach Phönizien und bekräftigte seine Rechte in den Hafenstädten Tyros, Sidon, Beirut, Byblos, Ullaza, Irqata und Simyra.
Dann marschierte er landeinwärts durch das Eleutherostal nach Osten.
Das Kernland von Amurru und Kadesch umgehend, schwenkte er dann nach Norden, durch das Orontestal und drang tief in hethitisches Gebiet vor - eine Region, die seit über 120 Jahren keine ägyptische Armee mehr gesehen hatte.
Dabei eroberte Ramses die Stadt Dapur am nördlichen Rande des Reiches von Amurru, wo er eine Kolossalstatue aufstellen ließ, und den Stadtstaat von Tunip weiter nördlich.
Mit der Einnahme dieser wichtigen Städte war es Ramses gelungen, sich einen starken Brückenkopf in Syrien zu verschaffen und Amurru und Kadesch von Hatti zu isolieren.
Dieser Feldzug endete also erfolgreich für Ramses zu Beginn seines neunten Regierungsjahres.


Jahr 10:

Nach dem Abzug des ägyptischen Heeres unterwarfen sich die von Ramses eroberten syrischen Gebiete allerdings schnell wieder der hethitischen Oberhoheit.
Die Bedrohung der Heere des Königs von Karkemisch, der als Stellvertreter des Großkönigs von Hatti in den südlichen Provinzen des hethitischen Großreiches agierte, und der in dieser Funktion die Armeen von Karkemisch, Haleb und Nuhasse kommandierte, wog weitaus schwerer als der Zorn des ägyptischen Pharaos, der sich zudem wesentlich weiter entfernt, nämlich wieder in Ägypten, befand.
Ramses allerdings zeigte sich wenig beeindruckt und zog erneut gegen Dapur aus.
Wiederum eine Stele am Nahr el-Kalb berichtet von seinem Marsch durch Phönizien.
Belegt ist die Belagerung Dapurs, aus der die Ägypter siegreich hervorgingen, durch Inschriften in den Tempeln von Luxor und im Ramesseum.


Weitere Feldzüge Ramses II nach Syrien sind möglich, die Primärquellen aber nicht ganz eindeutig. Wie schon eingangs erwähnt, sind die Zeugnisse der syrischen Kriege Ramses II zwar reichlich, die fehlenden Angaben der Regierungsjahre aber machen eine genaue Zuordung und Chronologie der Ereignisse unmöglich.
Es ist wahrscheinlich, daß Ramses die ständigen Scharmützel, die er zwar für sich entscheiden konnte, die ihm aber keinen dauerhaften Erfolg bescherten, irgendwann, aber spätestens am Ende seines zweiten Regierungsjahrzehnts aufgab.


Die Sicherung der westlichen Grenzen:

Unter Ramses II wurde eine Kette von Forts entlang der Westküste des Mittelmeeres bzw. des westlichen Deltarandes errichtet und zwar um die in der Wüste seltenen und kostbaren Brunnen und Quellen herum; damit verwehrte man den nach Osten drängenden Libyern den freien Zugang zum Wasser und damit nach Ägypten.


1:el-Garbanijat, 2:el-Barnugi, 3:Tell Abqa'in
4:Kôm Firin, 5:Kôm el-Hisn, 6: Abu Billo

Bislang konnte man die Überreste drei solcher Festungen an der Küste bei el-Garbanijat, el-Alamein und Zawijet Umm er-Rakham bzw. zwei am Westrand des Deltas -Tell Abqa'in und Kôm el-Hisn- ausmachen.
Zu Tell Abqa'in existiert eine sehr empfehlenswerte Seite der Universität von Liverpool: Bitte HIER klicken!
Kitchen vermutete weitere Forts in den Kôms von Abu Billo, Firin und el-Barnugi.
Die Forts dienten, wie schon erwähnt wurde, der Abwehr der libyschen Nomadenstämme, die versuchten ins Delta einzuwandern, aber auch der Sicherung der Küste gegen Piratenüberfälle.
Die spätere Geschichte zeigt, daß Ramses damit außerordentliche Weitsicht bewies, denn sein Sohn und Nachfolger Merenptah und Pharao Ramses III (20. Dynastie) mussten sich gegen die Eindringlinge von Westen zu Wehr setzen, wobei sich der letztere aber auch im Kampf gegen die Seevölker bewähren musste.
Für mehr Infos über den Libyerkrieg Merenptahs bitte HIER klicken!


Kurzer Exkurs:
Der ramessidische Festungsbau am Beispiel von Umm er-Rakham:

Umm er-Rakham, das westlichste dieser Kette von Forts, diente nicht nur der Verteidigung der ägyptischen Westgrenze, sondern war auch erste Anlaufstelle für die Handelsschiffe aus Kreta, die dort ihre Ladung bzw. zumindest einen Teil davon löschten, bevor sie weiter nach Memphis segelten.
Der Ort liegt 25 km westlich von Marsa Matruh bzw. fast 320 km von Alexandria, d.h. einen Fußmarsch von gut einer Dekade vom Delta entfernt.
Die Größe der Festung ist beeindruckend: sie nimmt eine Fläche von 20.000 qm Fläche ein und besaß eine 5 m starke Mauer aus außergewöhnlich großen Lehmziegeln, etwa 1.600.000 Stück an der Zahl.
Ein einziges Tor, das von zwei kalksteinverkleideten Türmen flankiert wurde, bildete den Eingang.

In den Magazinen der Festung fand man eine große Menge nichtägyptischer Keramik:
Vorratskrüge und Amphoren aus Kanaan und ägäische Steigbügelkannen, in denen z.B. Olivenöl und Wein gelagert und transportiert wurden.
Neben einem 20 x 12 m großen Tempel mit Pfeilerhof, zwei Querhallen und drei Kapellen, die dem Kult Ramses II geweiht waren, fand man insgesamt 16 Votivstelen von Soldaten, deren Inschriften den König als Besieger der Libyer lobpreisen.
In einem rätselhaften Gebäude, das aus drei parallelen Räumen mit je einem aufrechten Stein in der Mitte besteht, vermutet man einen kanaaitischen Tempel.
Erbaut wurde der Komplex vom Königlichen Schreiber und Vorsteher der Wüste, General Nebre.

Eine wunderbare und sehr ausführliche Seite zu Umm er-Rakham (auf Englisch!) finden Sie HIER!
Die Seite baut sich etwas langsam auf, ist aber ein wenig Geduld wert!


Jahr 18:

In diesem Jahr kam es erneut zu einer Konfrontation mit den Hethitern, die beinahe zum Krieg führte.
Hatti forderte von Ägypten die Auslieferung von Mursili III (dessen Geburtsname Urhi-Teschup lautete), der in Ägypten um Asyl gebeten hatte, was ihm von Ramses auch gewährt worden war.
Mursili war der Sohn und Nachfolger Muwatallis, der etwa während des neunten Regierungsjahres Ramses II verstorben war.
Ihm haftete allerdings der Makel an, nicht von Muwatallis Hauptgemahlin, sondern von einer Konkubine abzustammen - seine Thronbesteigung war deshalb nicht unumstritten in Hatti vor sich gegangen.
Nach einer Herrschaft von ca. sieben Jahren wurde er von seinem Onkel Hattusili abgesetzt, der dann als Hattusili III den hethitischen Thron bestieg und seinen Neffen ins Exil nach Nuhasse und später dann nach Zypern verbannte, von wo aus Mursili versuchte, die Verbündeten Hattis gegen seinen Onkel aufzuwiegeln, aber dann nach Ägypten floh.
Da Ramses die Auslieferung Mursilis verweigerte, zog Hattusili seine Armee zusammen, um seinem rebellischen Neffen notfalls mit Gewalt beizukommen.
Vorsichtshalber hatte Ramses aber bereits seine Truppen mobilisiert und Position im nördlichen Kanaan bezogen (bei Megiddo bzw. Beth-Schan), eine Stele in Beth-Schan vom ersten Tag des vierten Monates der Winterjahreszeit im 18. Regierungsjahr Ramses II bezeugt seine Aktivitäten in dieser Gegend.
Nun befand sich Hatti zu dieser Zeit in einer äußerst prekären Lage: das hethitische Großreich sah sich im Osten von den aggressiven und immer stärker werdenden Assyrern bedroht, außerdem forderten die ständigen Scharmützel mit den Ägyptern allmählich ihren Tribut.
Einen Zweifrontenkrieg musste Hattusili deshalb um jeden Preis vemeiden, er sandte deshalb seine Diplomaten nach Pi-Ramesse, um Ramses Frieden anzubieten.
Drei Jahre später, im 21. Jahr Ramses II, wurde der Friedensvertrag besiegelt.

Zum Friedensschluß mit den Hethitern und dem genauen Inhalt des Vertrages soll später noch ein Artikel verfasst werden!


Aufstand in Nubien:

Ende der zweiten Regierungsjahrzehnts lehnten sich die seit über 25 Jahren befriedeten Nubier wieder gegen ihre ägyptischen Herren auf: ein kurzer und schneller Feldzug mit über 7000 Gefangenen, an dem die Prinzen Sethemwia und Merenptah teilnahmen, beendete die Rebellion in Obernubien.
Dieser Feldzug ist sehr ausführlich in der Ramsesstadt (Amara-West) dokumentiert, gleichzeitig Sitz der Verwaltung und Residenz des Vizekönigs bzw. seines für Obernubien zuständigen Vertreters.
Ein kürzerer Bericht, der aber nie zu Ende geführt wurde, findet sich im Tempel Ramses II in Abydos.